Interdisziplinäres
Forschungskolloquium
Protestbewegungen

 

Straßentheater als politischer Protest

Obgleich theatrale Praktiken innerhalb der westdeutschen Protestbewegung in den sechziger Jahren als Kommunikationsform eine zentrale Rolle spielten, stand die Außerparlamentarische Opposition den öffentlichen Theatern und dem Theatersystem als ganzem weitgehend kritisch gegenüber. Die Vorbilder und Anregungen für ihre theatralen Aktionsformen suchte sie statt dessen zum einen in der Happening- und Performance-Kunst, die das überzeitlich zugängliche Artefakt durch Handlungsvollzüge ersetzte und damit ‚straßenfähig’ machte; zum anderen griff sie auf außerinstitutionelle, aber als explizit politisch ausgewiesene Theaterformen wie das Agitprop- und Straßentheater der Weimarer Republik zurück.

Anders als in den USA, wo sich die alternativen politischen Theaterströmungen innerhalb der Protestbewegung auf das Konzept des ‚Guerilla Theaters’ als eines gemeinsamen Bezugspunkts ihres Engagements beriefen, traten in der west- deutschen Bewegung, so die Grundthese des Beitrags, zwei getrennt agierende Richtungen auf: Die aktionistisch-antiautoritäre Richtung, der etwa die Kommune I zuzurechnen ist, wollte mit stark performativen, happeningartigen Aktionen gesellschaftliche (Unterdrückungs-)Mechanismen für Teilnehmer und Zuschauer erfahrbar und in der Aktion überwindbar werden lassen: Nicht die Darstellung gesellschaftlicher Zusammenhänge, sondern der theatrale Handlungsvollzug als prozessuales, situatives und präsentisches Geschehen stand dabei im Zentrum.

Die sich um 1968 formierendenden Straßentheatergruppen im engeren Sinne bedienten sich dagegen einer Aktionsform, die vor allem demonstrativ-präsentativ ausgerichtet war und ihren politischen Impetus aus dem Abbildungsanspruch des Dargestellten bezog: Argumentative Formen der politischen Aufklärung dominierten gegenüber der ästhetischen Gestaltung und der performativen Dimension des Theatralen als Handlung. Die angestrebte Bewußtseinsbildung und Mobilisierung (vor allem der Arbeiter) sollte über das gesprochene Wort erfolgen. An den gruppeninternen Reflexionen über die Notwendigkeit sinnlicher Gestaltung läßt sich dabei allerdings zeigen, daß dieser relativ statischen theatralen Form die politische Wirksamkeit nicht vorbehaltlos unterstellt, sondern selber wieder diskutiert und problematisiert wurde.



Dorothea Kraus, 1994-1996 Studium der Germanistik und Geschichte an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg, 1996-1997 Studium am University College Galway, 1997-2001 Studium der Germanistik, Geschichte und Philosophie an der Universität Bielefeld, 1999-2000 Studium an der Université Paris IV/Sorbonne sowie an der Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales, Paris, Abschluß mit einer literaturwissenschaftlichen Magisterarbeit über „Geschichte zwischen Tatkraft und Kontemplation in Christian Dietrich Grabbes `Napoleon oder die hundert Tage`“.

2001-2004 wissenschaftliche Mitarbeiterin im Sonderforschungsbereich 584 ‚Das Politische als Kommunikationsraum in der Geschichte’ der Universität Bielefeld; interdisziplinäre Doktorarbeit zum Thema “Theater als Kommunikationsraum des Politischen. Die Inszenierung des Politischen und politische Inszenierungen in den sechziger Jahren der Bundesrepublik Deutschland” bei Prof. Dr. Ingrid Gilcher-Holtey (Zeitgeschichte).

Publikationen: Appropriation et pratiques de la lecture. Les fondements méthodologiques et théoriques de l’approche de l’histoire culturelle de Roger Chartier, in: Labyrinthe 3 (1999), S. 13-25 ; Sprachregel und Empfindung in Wittgensteins ‘Philosophischen Untersuchungen’, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 4 (2004), S. 553-563; „Statt an Taten zehrt man jetzt an Erinnerung“. Genie und Historismus  in Christian Dietrich Grabbes ‚Napoleon oder die hundert Tage’ (erscheint in: Sprache und Literatur 1 (2005)).

 

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