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Sit-in, teach-in, go-in: Die transnationale Zirkulation kultureller Praktiken in den 1960er Jahren
Die Protestbewegungen der 1960/70er Jahre werden seit langem schon als ein weltweites Phänomen gesehen. Aber was ist dran an dem Mythos von 1968 als globale Sozial- oder Kulturrevolution? Was waren die genauen Ursachen für jene innere Opposition, die zeitgleich in Frankreich, Westdeutschland, Italien, Japan, den Vereinigten Staaten und vielen anderen Teilen der Welt etablierte Ordnungen erschütterten und tradierte Wertesysteme radikal in Frage stellten? Und vielmehr, wie ist ihre Gleichzeitigkeit, wie ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu erklären? Soziale Protestbewegungen und revolutionäre Vorgänge haben immer schon eine Außenwirkung gezeitigt, stehen beispielsweise die Ereignisse von 1776, 1789 und 1848 modellhaft für eine transnationale Ausstrahlung bedeutsamer nationaler Ereignisse. Also was unterscheidet die Revolte der 1960/70er Jahre von diesen historischen Vorgängen, was macht sie besonders, was macht sie global?
Diesen Fragen wird der Vortrag am Beispiel der transnationalen Zirkulation kultureller Praktiken in den 1960er Jahren im Hinblick auf die deutsche und amerikanische Studentenbewegung und deren Protesttechniken nachgehen. Die zunehmende (gesteuerte und ungesteuerte) Amerikanisierung wird begriffen als ein Phänomen kultureller Globalisierung, die einen transnationalen Referenzrahmen bereitstellt, dessen sich die Protestbewegungen ähnlich wie einer lingua franca bedienen können. Das Zusammenfallen in der Bundesrepublik von Massenkultur, Aneignung amerikanischer Ideen von Freiheit zur Kontrastierung mit gesellschaftlichen Realitäten sowie ein Generationskonflikt bedingt durch eine unvollständige Vergangenheitsbewältigung bilden die Folie für diese zum größten Teil asymmetrischen kulturellen Transferprozesse.
Die Protestbewegungen der 1960/70er Jahre entstanden an einem Wendepunkt eines sog. kulturellen Internationalismus, waren gleichzeitig Produkt und folgenreicher Katalysator desselben. Trotz dieses globalen Rahmens fand jedoch eine länderspezifische Adaption und Integration eines durch die Medien und andere Mittel verstärkten Ideentransfers statt, der besondere gesellschaftliche Auswirkungen zeitigte. Der spezifische Charakter der Transnationalität von „1968“ speist sich aber ebenso durch die Tatsache, dass durch diese Aneignung von internationalen Ideen eine nach bestimmten politischen Leitbildern konstruierte "geopolitische Realität" des Kalten Krieges in Frage gestellt und letztlich aufgebrochen wurde; mit anderen Worten, durch zunehmenden kulturellen Austausch und Verflechtung eine Veränderung internationaler Hierarchien und Werteordnungen erreicht wurde.
Martin Klimke, Studium an der Universität Göttingen, Amherst College (MA) und der Universität Heidelberg. Magister in Geschichte und Englisch an der Universität Heidelberg (2002). Nach Lehrtätigkeiten an verschiedenen High Schools und Colleges in den USA und Deutschland zur Zeit Visiting Fellow am Heidelberg Center for American Studies (HCA) sowie wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand am Historischen Seminar der Universität Heidelberg.
Sein aktuelles Forschungsvorhaben ist das in Verbindung mit dem Historischen Seminar der Rutgers University (NJ) durchgeführte, von der VW-Stiftung unterstützte Forschungsprojekt mit dem Titel “Das Fremde im Eigenen: Interkultureller Austausch und kollektive Identitäten in den gesellschaftlichen Umbrüchen der 1960er und 1970er Jahre am Beispiel der USA und der Bundesrepublik Deutschland”.
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