|
Zwischen Bombenterror und Baader-Story – Terrorismus als Medienereignis im Frühjahr 1972
»Sind die Täter Fanatiker oder Verrückte, sind es Extremisten oder Anarchisten?« fragt die Unterschrift zu einem Bild, das zerstörte Autos auf dem Parkplatz des Bayrischen Landeskriminalamtes in München zeigt und das im Mai 1972 einen Artikel des STERN zum »Terror aus dem Hinterhalt« eröffnet.
Ein Spektrum an möglichen Deutungen steht der eindeutigen Unterstellung gegenüber, dass es sich um ›Terrorismus‹ handelt, als nach Banküberfällen, Autodiebstählen sowie Schusswecheln mit der Polizei bei ›Baader-Meinhof‹ -Fahndungsaktionen im Mai 1972 die ›Rote Armee Fraktion‹ eine erste Serie von Bombenanschlägen verübte. Auf sie folgte allerdings direkt eine andere Serie von medienwirksamen Ereignissen. Denn die führenden Akteure der RAF Andreas Baader, Holger Meins, Jan-Carl Raspe, Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof wurden kurz nacheinander verhaftet. Nun bestimmten die Suche nach Erklärungen und Motivationen sowie Spekulationen über weitergehende terroristische Bedrohungen die öffentliche Diskussion.
Der Vortrag wird anhand dieses doppelten Ereigniszusammenhangs der Frage nachgehen, welche Rolle verdichtete massenmediale Aufmerksamkeit für die Konstitution und Ordnung eines öffentlichen Wissens über ›Terrorismus‹ spielt – eines Wissens, das durch weitere Ereignisse ebenso bestätigt oder modifiziert werden kann, wie es ihre Wahrnehmung und kommunikative Deutung mitprägt. Ausgehend von der Berichterstattung im SPIEGEL sowie in den Illustrierten STERN und QUICK soll dabei das Verhältnis von sprachlichen und visuellen Mitteln der Darstellung und Deutung – eine Diskursanalyse von Text-Bild-Zusammenhängen – im Zentrum stehen.
Martin Steinseifer, geb. 1974. Studium der Germanistik und Evangelischen Theologie an den Universitäten Siegen und Heidelberg (1994-2001), Studium der Cultural Studies an der University of Birmingham/UK (1998-99), 1. Staatsexamen für Lehramt an Gymnasien in den Fächern Deutsch und Ev. Theologie (2001). Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt »Didaktik und Methodik der Argu- mentation« an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg (2002), Kollegiat am Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien der Universität Erfurt (2002-2003), seit 2003 Kollegiat des Graduiertenkollegs »Transnationale Medienereignisse von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart« an der Justus-Liebig-Universität Gießen.
Dissertationsprojekt: Inszenierungen des Terrorismus. Analysen zur Dynamik von Terrorismus-Diskursen in der BRD 1972-77; Publikationen (u.a.): Marxian Approaches to Sociolinguistics. Erscheint Nov. 2004 in: Ammon, Ulrich/Dittmar, Norbert/Mattheier, Klaus J./Trudgill, Peter (Hrsg.) Soziolinguistik/Sociolinguistics. An International Handbook of the Science of Language and Society. 2nd completely revised and extended edition. Vol. 1. Berlin/New York 2004 (= HSK 3.1)
|