Interdisziplinäres
Forschungskolloquium
Protestbewegungen

 

Die "sexuelle Revolution" - Politik, Körper und Körperpolitik um "1968"

Wo "1968" vom historischen Ereignis zum Gegenstand der Geschichtswissenschaft geworden ist, wurde es in der Regel als Chiffre für eine Demokratisierung oder Liberalisierung der politischen Kultur der BRD behandelt - zumindest stand dies stets in Frage bzw. zur Disposition. Untersuchungen kreisten in diesem Sinne um den Schah-Besuch, den Vietnam-Krieg oder die Springer-Blockade usw., um politikgeschichtliche Phänomene im traditionellen Sinne des Wortes, um Momente der Mobilisierung und Radikalisierung der sog. Studentenbewegung - so man denn von einer und nicht von vielen Bewegungen sprechen will. Die "sexuelle Revolution" wird zwar immer wieder als Signum von "1968" angesprochen und als Ergebnis der Studentenbewegung beschrieben, sie ist bislang jedoch höchst selten ernsthaft zum Gegenstand der Geschichtswissenschaft bzw. einer historischen Betrachtungsweise geworden (eine wichtige Ausnahme stellen in diesem Zusammenhang die Arbeiten von Dagmar Herzog dar).

Die "sexuelle Revolution" lenkt den Blick von den traditionellen Politikfeldern auf den Körper und erlaubt es, den Körper als Politikfeld bzw. als politisches Feld (um nicht zu sagen: Schlachtfeld) zu analysieren - zu rekonstruieren und zu dekonstruieren. "1968" war in diesem Sinne mindestens ebenso ein einschneidendes Ereignis auf dem Gebiet der Körperpolitik wie auf dem Gebiet der Politik im traditionellen Sinne des Wortes: Der sog. Studentenbewegung ging es eben gerade nicht nur um Schah, Vietnam und Springer, sondern ebenso sehr um neue Kleidung, neues Wohnen, neues Essen, neue Drogen, neue Musik, neues Tanzen - und neuen Sex.

Diese unterschiedlichen Aspekte der Körperpolitik um "1968", einer neuen Form der Lebensführung (vgl. an dieser Stelle die Arbeiten von Detlef Siegfried), wurden und werden vielfach als "Befreiung" propagiert- wenngleich bereits die frühe Frauenbewegung eine kritische Perspektive auf diese Form der "Befreiung" eröffnet hat, u.a. mit Blick auf die "sexuelle Revolution" und die Pille. Der vorliegende Beitrag nimmt diese kritische Perspektive auf - allerdings nicht auf (mittlerweile klassisch) feministische Weise. Er wählt eine (zum Glück ebenfalls nicht mehr originelle) poststrukturalistische Blickweise auf das Phänomen "sexuelle Revolution" und fragt mit Foucault und Butler nach den disziplinierenden, normierenden Aspekten bzw. Effekten der "sexuellen Revolution". Dabei geht es nicht darum, bestimmte Aspekte bzw. Effekte in kulturpessimistischer Manier abzulehnen  bzw. auf apostrophierte Vor- und Nachteile bestimmter "Entwicklungen" hinzuweisen (wie dies häufig innerhalb der Sexualwissenschaft der Fall ist). In poststrukturalistischer Perspektive geht es mir in erster Linie um die Produktivität der "sexuellen Revolution": Was für eine Form der Sexualität wird um "1968" hergestellt, indem sie vermeintlich und lediglich "revolutioniert" bzw. "befreit" wird?

Der vorliegende Beitrag fragt in diesem Zusammenhang nach zwei zentralen Diskursen bzw. Diskurssträngen im Kontext der "sexuellen Revolution", zwei Strategien, denen die "sexuelle Revolution" auf unterschiedliche Weise und in unterschiedlichem Maße folgt, die unterschiedliche Aspekte berühren bzw. unterschiedliche Effekte zeitigen, aber gleichermaßen auf eine "sexuelle Revolution" zielen und "die" Revolution, die "wahre" Revolution, stets auch - oder sogar zuallererst - als "sexuelle Revolution" wahrnehmen und darstellen: Es handelt sich dabei um zwei Strategien, die sich mit den Namen Reichs und Marcuses verbinden. Erläutern möchte ich die Analyse dieser beiden Strategien anhand einiger Beispiele aus den beiden der sog. Studentenbewegung auf die ein oder andere Weise nahestehenden Zeitschriften "Konkret" und "Spontan".



Pascal Eiter, 2001 Abschluß des Magisterstudiums an der Universität Bielefeld mit einer diskursgeschichtlichen und feldanalytischen Arbeit zu den Humanwissenschaften in Frankreich (1945-1980). Seit 2001 wissenschaftlicher Mit- arbeiter an der Universität Bielefeld im SFB 584 "Das Politische als Kommunikationsraum in der Geschichte". Aufnahme des Promotion mit einer diskurs- geschichtlichen Arbeit zum Verhältnis zwischen Politik und Religion in der BRD (1965-1975) - mehrere Vorträge und Aufsätze. Seit 2001 Veranstaltungsreihe zum Thema "Body Politics" (zusammen mit Marcus Otto) - Vorträge zum Nutzen der Körpergeschichte für die Politikgeschichte und zur Pornographiedebatte in der BRD (1968-1988). 2002 Gründungsmitglied des "Arbeitskreises für Körpergeschichte".

 

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